Thangkas – heilige tibetische Bilder als Weg zu innerer Klarheit und Stille
Manchmal stehe ich vor einer Thangka und merke, wie mein Atem langsamer wird, ohne dass ich es bewusst steuere. Es ist kein grosses Ereignis, nichts Lautes oder Auffälliges. Eher etwas, das sich ganz leise in mir verändert.
Ich heisse Kunsang S. und komme ursprünglich aus Tibet. Seit über zehn Jahren lebe ich in der Schweiz. In dieser Zeit hat sich mein Leben stark verändert – Sprache, Alltag, Umgebung. Und doch sind Thangkas geblieben. Nicht als Erinnerung an etwas Vergangenes, sondern als etwas, das mich immer wieder zurück zu mir selbst bringt.
Wenn ich eine Thangka betrachte
Ich erinnere mich noch gut an meine ersten Begegnungen mit Thangkas als Kind. Ich habe sie damals einfach angeschaut, ohne sie zu hinterfragen. Sie waren da, wie Berge oder Himmel – selbstverständlich, still, präsent.
Heute ist es nicht anders. Wenn ich vor einer Thangka stehe, versuche ich nicht, sie zu verstehen. Ich lasse sie einfach auf mich wirken. Und irgendwann passiert etwas sehr Einfaches: mein Geist wird ruhiger, ohne dass ich ihn dazu zwinge. Es ist, als würde innerlich etwas aufhören zu rennen.
Was ich in diesen Bildern sehe
Viele Menschen sehen zuerst die Farben. Gold, Rot, Blau – klar, lebendig, kraftvoll. Ich sehe darin keine Dekoration, sondern Zustände.
Rot fühlt sich für mich an wie Herzenergie, wie Wärme, wie Leben. Blau wie etwas Unendliches, das sich nicht festhalten lässt. Gold wie etwas, das bleibt, auch wenn sich alles andere verändert. Weiss wie eine Klarheit, die nicht erklärt werden muss.
Und trotzdem ist das Wichtigste nicht, was ich sehe, sondern was in mir still wird, während ich schaue.
Die Art, wie sie entstehen
Ich durfte einmal einem Thangka-Maler bei der Arbeit zusehen. Es war ein kleiner, ruhiger Raum. Nichts daran wirkte hastig. Jeder Pinselstrich hatte Gewicht, nicht im physischen Sinn, sondern in der Aufmerksamkeit.
Manchmal hielt er inne, als würde er kurz nach innen lauschen, bevor er weitermachte. In diesem Moment habe ich verstanden, dass eine Thangka nicht einfach gemalt wird. Sie entsteht aus einem Zustand heraus.
Zwischen Tibet und der Schweiz
In der Schweiz habe ich eine andere Art von Stille kennengelernt. Die Stille der Berge, der klaren Luft, der weiten Landschaft. Oft erinnert mich das an etwas, das ich aus Tibet kenne, ohne es direkt benennen zu können.
Wenn ich hier durch die Natur gehe und später eine Thangka sehe, fühlt es sich manchmal an, als würden sich zwei Arten von Stille begegnen. Die äussere und die innere.
Was ich Menschen oft sagen möchte
Wenn mich jemand fragt, was eine Thangka ist, gebe ich keine lange Erklärung. Ich sage oft nur: schau sie an, ohne etwas erreichen zu wollen.
Denn sobald wir etwas unbedingt verstehen wollen, verlieren wir manchmal das direkte Erleben. Und genau dieses Erleben ist es, worum es geht.
Thangkas sind für mich keine Objekte. Sie sind Begegnungen. Und jede Begegnung ist anders, je nachdem, wie wir gerade sind.
Warum sie mir geblieben sind
Es gibt Tage, an denen mein Kopf laut ist. Viele Gedanken, viele Richtungen, vieles gleichzeitig. In solchen Momenten gehe ich nicht weit weg, sondern zu einer Thangka.
Ich schaue sie nicht lange an. Manchmal nur kurz. Aber in dieser kurzen Zeit verändert sich etwas in mir. Es wird nicht perfekt, nicht vollständig – aber ruhiger. Ein kleines Stück mehr bei mir selbst.
Ein letzter Gedanke
Ich glaube nicht, dass Thangkas Antworten geben.
Aber sie verändern die Art, wie ich die Welt betrachte. Und manchmal reicht genau das.